#2476

RE: Gedichte

in Forum Interna 09.12.2010 21:53
von semipermeabel (gelöscht)
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War ein mal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus.
zwecks des Barrikadenbaus.
Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Erich Mühsam


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#2477

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 07:56
von tbn | 4.131 Beiträge


Zitat von: Hans Bergman
09.12.2010 11:44 #43994


Aber es ist eine sehr gute Idee, auch weniger bekannte Gedichte, das hier kannte ich bisher nicht, vorzustellen.

Aus der gleichen Feder wie Pidder Lüng stammt:

Heute bin ich über Rungholt gefahren,
die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Noch schlagen die Wellen da wild und empört
wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
Trutz, Blanke Hans!

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
liegen die friesischen Inseln im Frieden,
und Zeugen weltenvernichtender Wut,
taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,
der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.
Trutz, Blanke Hans!

Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.
Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen
und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.
Trutz, Blanke Hans!

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen
die Kiemen gewaltige Wassermassen.
Dann holt das Untier tiefer Atem ein
und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.
Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,
viel reiche Länder und Städte versinken.
Trutz, Blanke Hans!

Rungholt ist reich und wird immer reicher,
kein Korn mehr faßt selbst der größeste Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom
staut hier alltäglich der Menschenstrom.
Die Sänften tragen Syrer und Mohren,
mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
Trutz, Blanke Hans!

Auf allen Märkten, auf allen Gassen
lärmende Leute, betrunkene Massen.
Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:
"Wir trutzen dir, Blanker Hans, Nordseeteich !"
Und wie sie drohend die Fäuste ballen,
zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.
Trutz, Blanke Hans!

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen,
der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
belächelt den protzigen Rungholter Wahn.
Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen
das schlafende Meer wie Stahl, der geschliffen
das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen". (1)
Trutz, Blanke Hans!

Und überall Friede, im Meer, in den Landen.
Plötzlich, wie Ruf eines Raubtiers in Banden:
das Scheusal wälzte sich, atmete tief
und schloß die Augen wieder und schlief.
Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
kommen wie rasende Rosse geflogen.
Trutz, Blanke Hans!

Ein einziger Schrei- die Stadt ist versunken,
und Hunderttausende sind ertrunken.
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
schwamm andern Tags der stumme Fisch.---
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Trutz, Blanke Hans!


Seit ich dieses Gedicht kenne, weiß ich endlich wie Ebbe und Flut entsteht


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#2478

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 14:25
von Hans Bergman | 23.327 Beiträge


Zitat von: RagnarLodbrok
10.12.2010 07:56 #44117

1.Aus der gleichen Feder wie Pidder Lüng stammt:
Heute bin ich über Rungholt gefahren,
...

2. Seit ich dieses Gedicht kenne, weiß ich endlich wie Ebbe und Flut entsteht

1. Toll. Das hatte ich noch irgendwo tief im Hinterkopf.

2. Das hätte ich allerdings eher als Willies Vorstellung erwartet.



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#2479

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 19:53
von Tapuzim (gelöscht)
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Torheiten begangen, Torheiten gemacht,
Ich mache deren noch immer.
Ich hab sie gemacht bei Tag und bei Nacht,
Die nächtlichen waren weit schlimmer.
Ich hab sie gemacht zu Wasser und Land,
Im Freien wie im Zimmer.
Ich machte viele sogar mit Verstand,
Die waren noch viel dümmer.
H.H.


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#2480

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 19:56
von semipermeabel (gelöscht)
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Zitat von: Tapuzim
10.12.2010 19:53 #44193
Torheiten begangen, Torheiten gemacht,
Ich mache deren noch immer.
Ich hab sie gemacht bei Tag und bei Nacht,
Die nächtlichen waren weit schlimmer.
Ich hab sie gemacht zu Wasser und Land,
Im Freien wie im Zimmer.
Ich machte viele sogar mit Verstand,
Die waren noch viel dümmer.
H.H.

Ich möchte nicht wieder Punkte vergeben, für H.H. gibts aber welche:)



zuletzt bearbeitet 10.12.2010 19:57 | nach oben springen

#2481

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 20:00
von Tapuzim (gelöscht)
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Zitat von: semipermeabel
10.12.2010 13:56 #44194

Ich möchte nicht wieder Punkte vergeben, für H.H. gibts aber welche:)


Freut mich das Sie Heine mögen.


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#2482

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 20:02
von semipermeabel (gelöscht)
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Zitat von: semipermeabel
10.12.2010 19:56 #44194

Ich möchte nicht wieder Punkte vergeben, für H.H. gibts aber welche:)

H.H., rezitiert:
http://www.youtube.com/watch?v=ASBkgRzXffk



zuletzt bearbeitet 10.12.2010 20:02 | nach oben springen

#2483

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 20:06
von Tapuzim (gelöscht)
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Zitat von: semipermeabel
10.12.2010 14:02 #44198

H.H., rezitiert:
http://www.youtube.com/watch?v=ASBkgRzXffk


Ein Fragment
Sohn der Torheit! träume immer,
Wenn dirs Herz im Busen schwillt;
Doch im Leben suche nimmer
Deines Traumes Ebenbild!
Einst stand ich in schönern Tagen
Auf dem höchsten Berg am Rhein;
Deutschlands Gauen vor mir lagen,
Blühend hell im Sonnenschein.

Unten murmelten die Wogen
Wilde Zaubermelodein;
Süße Ahndungschauer zogen
Schmeichelnd in mein Herz hinein.

Lausch ich jetzt im Sang der Wogen,
Klingt viel andre Melodei:
Schöner Traum ist längst verflogen,
Schöner Wahn brach längst entzwei.

Schau ich jetzt von meinem Berge
In das deutsche Land hinab:
Seh ich nur ein Völklein Zwerge,
Kriechend auf der Riesen Grab.

Such ich jetzt den goldnen Frieden,
Den das deutsche Blut ersiegt,
Seh ich nur die Kette schmieden,
Die den deutschen Nacken biegt.

Narren hör ich jene schelten,
Die dem Feind in wilder Schlacht
Kühn die Brust entgegenstellten,
Opfernd selbst sich dargebracht.

O der Schande! jene darben,
Die das Vaterland befreit;
Ihrer Wunden heilge Narben
Deckt ein grobes Bettlerkleid!

Muttersöhnchen gehn in Seide,
Nennen sich des Volkes Kern,
Schurken tragen Ehrgeschmeide,
Söldner brüsten sich als Herrn.

Nur ein Spottbild auf die Ahnen
Ist das Volk im deutschen Kleid;
Und die alten Röcke mahnen
Schmerzlich an die alte Zeit:

Wo die Sitte und die Tugend
Prunklos gingen Hand in Hand;
Wo mit Ehrfurchtscheu die Jugend
Vor dem Greisenalter stand;

Wo kein Jüngling seinem Mädchen
Modeseufzer vorgelügt;
Wo kein witziges Despötchen
Meineid in System gefügt;

Wo ein Handschlag mehr als Eide
Und Notarienakte war;
Wo ein Mann im Eisenkleide,
Und ein Herz im Manne war. -

Unsre Gartenbeete hegen
Tausend Blumen wunderfein,
Schwelgend in des Bodens Segen,
Lind umspielt von Sonnenschein.

Doch die allerschönste Blume
Blüht in unsern Gärten nie,
Sie, die einst im Altertume
Selbst auf felsger Höh gedieh;

Die auf kalter Bergesfeste
Männer mit der Eisenhand
Pflegten als der Blumen beste -
Gastlichkeit wird sie genannt.

Müder Wandrer, steige nimmer
Nach der hohen Burg hinan,
Statt der gastlich warmen Zimmer,
Kalte Wände dich empfahn.

Von dem Wartturm bläst kein Wächter,
Keine Fallbrück rollt herab;
Denn der Burgherr und der Wächter
Schlummern längst im kühlen Grab.

In den dunkeln Särgen ruhen
Auch die Frauen minnehold;
Wahrlich hegen solche Truhen
Reichern Schatz denn Perl und Gold.

Heimlich schauern da die Lüfte
Wie von Minnesängerhauch;
Denn in diese heilgen Grüfte
Stieg die fromme Minne auch.

Zwar auch unsre Damen preis ich,
Denn sie blühen wie der Mai;
Lieben auch und üben fleißig
Tanzen, Sticken, Malerei;

Singen auch in süßen Reimen
Von der alten Lieb und Treu;
Freilich zweiflend im geheimen:
Ob das Märchen möglich sei?

Unsre Mütter einst erkannten,
Sinnig, wie die Einfalt pflegt,
Daß den schönsten der Demanten
Nur der Mensch im Busen trägt.

Ganz nicht aus der Art geschlagen
Sind die klugen Töchterlein,
Denn die Fraun in unsern Tagen
Lieben auch die Edelstein.

Fort, ihr Bilder schönrer Tage!
Weicht zurück in eure Nacht!
Weckt nicht mehr die eitle Klage
Um die Zeit, die uns versagt!


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#2484

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 20:16
von semipermeabel (gelöscht)
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Zitat von: Tapuzim
10.12.2010 20:06 #44199

Ein Fragment
Sohn der Torheit! träume immer,
Wenn dirs Herz im Busen schwillt;
Doch im Leben suche nimmer
Deines Traumes Ebenbild!
Einst stand ich in schönern Tagen
Auf dem höchsten Berg am Rhein;
Deutschlands Gauen vor mir lagen,
Blühend hell im Sonnenschein.
Unten murmelten die Wogen
Wilde Zaubermelodein;
Süße Ahndungschauer zogen
Schmeichelnd in mein Herz hinein.
Lausch ich jetzt im Sang der Wogen,
Klingt viel andre Melodei:
Schöner Traum ist längst verflogen,
Schöner Wahn brach längst entzwei.
Schau ich jetzt von meinem Berge
In das deutsche Land hinab:
Seh ich nur ein Völklein Zwerge,
Kriechend auf der Riesen Grab.
Such ich jetzt den goldnen Frieden,
Den das deutsche Blut ersiegt,
Seh ich nur die Kette schmieden,
Die den deutschen Nacken biegt.
Narren hör ich jene schelten,
Die dem Feind in wilder Schlacht
Kühn die Brust entgegenstellten,
Opfernd selbst sich dargebracht.
O der Schande! jene darben,
Die das Vaterland befreit;
Ihrer Wunden heilge Narben
Deckt ein grobes Bettlerkleid!
Muttersöhnchen gehn in Seide,
Nennen sich des Volkes Kern,
Schurken tragen Ehrgeschmeide,
Söldner brüsten sich als Herrn.
Nur ein Spottbild auf die Ahnen
Ist das Volk im deutschen Kleid;
Und die alten Röcke mahnen
Schmerzlich an die alte Zeit:
Wo die Sitte und die Tugend
Prunklos gingen Hand in Hand;
Wo mit Ehrfurchtscheu die Jugend
Vor dem Greisenalter stand;
Wo kein Jüngling seinem Mädchen
Modeseufzer vorgelügt;
Wo kein witziges Despötchen
Meineid in System gefügt;
Wo ein Handschlag mehr als Eide
Und Notarienakte war;
Wo ein Mann im Eisenkleide,
Und ein Herz im Manne war. -
Unsre Gartenbeete hegen
Tausend Blumen wunderfein,
Schwelgend in des Bodens Segen,
Lind umspielt von Sonnenschein.
Doch die allerschönste Blume
Blüht in unsern Gärten nie,
Sie, die einst im Altertume
Selbst auf felsger Höh gedieh;
Die auf kalter Bergesfeste
Männer mit der Eisenhand
Pflegten als der Blumen beste -
Gastlichkeit wird sie genannt.
Müder Wandrer, steige nimmer
Nach der hohen Burg hinan,
Statt der gastlich warmen Zimmer,
Kalte Wände dich empfahn.
Von dem Wartturm bläst kein Wächter,
Keine Fallbrück rollt herab;
Denn der Burgherr und der Wächter
Schlummern längst im kühlen Grab.
In den dunkeln Särgen ruhen
Auch die Frauen minnehold;
Wahrlich hegen solche Truhen
Reichern Schatz denn Perl und Gold.
Heimlich schauern da die Lüfte
Wie von Minnesängerhauch;
Denn in diese heilgen Grüfte
Stieg die fromme Minne auch.
Zwar auch unsre Damen preis ich,
Denn sie blühen wie der Mai;
Lieben auch und üben fleißig
Tanzen, Sticken, Malerei;
Singen auch in süßen Reimen
Von der alten Lieb und Treu;
Freilich zweiflend im geheimen:
Ob das Märchen möglich sei?
Unsre Mütter einst erkannten,
Sinnig, wie die Einfalt pflegt,
Daß den schönsten der Demanten
Nur der Mensch im Busen trägt.
Ganz nicht aus der Art geschlagen
Sind die klugen Töchterlein,
Denn die Fraun in unsern Tagen
Lieben auch die Edelstein.
Fort, ihr Bilder schönrer Tage!
Weicht zurück in eure Nacht!
Weckt nicht mehr die eitle Klage
Um die Zeit, die uns versagt!

Da geht noch etwas. Ich liebe diesen kurzen Text von H.H.

Wie neubegierig die Möwe
Nach uns herüberblickt,
Weil ich an deine Lippen
So fest mein Ohr gedrückt!

Sie möchte gerne wissen,
Was deinem Mund entquillt,
Ob du mein Ohr mit Küssen
Oder mit Worten gefüllt?

Wenn ich nur selber wüßte,
Was mir in die Seele zischt!
Die Worte und die Küsse
Sind wunderbar vermischt.

von Heinrich Heine


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#2485

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 23:13
von Tapuzim (gelöscht)
avatar

Mein Verhaltenscodex für Foren: (-;)

Girre nicht mehr wie ein Werther,
Welcher nur für Lotten glüht -
Was die Glocke hat geschlagen
Sollst du deinem Volke sagen,
Rede Dolche, rede Schwerter!

Sei nicht mehr die weiche Flöte,
Das idyllische Gemüt -
Sei des Vaterlands Posaune,
Sei Kanone, sei Kartaune,
Blase, schmettre, donnre, töte!

Blase, schmettre, donnre täglich,
Bis der letzte Dränger flieht -
Singe nur in dieser Richtung,
Aber halte deine Dichtung
Nur so allgemein als möglich.
H.H.



zuletzt bearbeitet 10.12.2010 23:15 | nach oben springen

#2486

RE: Gedichte

in Forum Interna 10.12.2010 23:28
von GeorgeF | 4.734 Beiträge


Zitat von: Tapuzim
10.12.2010 20:06 #44199

Ein Fragment
Sohn der Torheit! träume immer,
Wenn dirs Herz im Busen schwillt;
Doch im Leben suche nimmer
Deines Traumes Ebenbild!
Einst stand ich in schönern Tagen
Auf dem höchsten Berg am Rhein;
Deutschlands Gauen vor mir lagen,
Blühend hell im Sonnenschein.
Unten murmelten die Wogen
Wilde Zaubermelodein;
Süße Ahndungschauer zogen
Schmeichelnd in mein Herz hinein.
Lausch ich jetzt im Sang der Wogen,
Klingt viel andre Melodei:
Schöner Traum ist längst verflogen,
Schöner Wahn brach längst entzwei.
Schau ich jetzt von meinem Berge
In das deutsche Land hinab:
Seh ich nur ein Völklein Zwerge,
Kriechend auf der Riesen Grab.
Such ich jetzt den goldnen Frieden,
Den das deutsche Blut ersiegt,
Seh ich nur die Kette schmieden,
Die den deutschen Nacken biegt.
Narren hör ich jene schelten,
Die dem Feind in wilder Schlacht
Kühn die Brust entgegenstellten,
Opfernd selbst sich dargebracht.
O der Schande! jene darben,
Die das Vaterland befreit;
Ihrer Wunden heilge Narben
Deckt ein grobes Bettlerkleid!
Muttersöhnchen gehn in Seide,
Nennen sich des Volkes Kern,
Schurken tragen Ehrgeschmeide,
Söldner brüsten sich als Herrn.
Nur ein Spottbild auf die Ahnen
Ist das Volk im deutschen Kleid;
Und die alten Röcke mahnen
Schmerzlich an die alte Zeit:
Wo die Sitte und die Tugend
Prunklos gingen Hand in Hand;
Wo mit Ehrfurchtscheu die Jugend
Vor dem Greisenalter stand;
Wo kein Jüngling seinem Mädchen
Modeseufzer vorgelügt;
Wo kein witziges Despötchen
Meineid in System gefügt;
Wo ein Handschlag mehr als Eide
Und Notarienakte war;
Wo ein Mann im Eisenkleide,
Und ein Herz im Manne war. -
Unsre Gartenbeete hegen
Tausend Blumen wunderfein,
Schwelgend in des Bodens Segen,
Lind umspielt von Sonnenschein.
Doch die allerschönste Blume
Blüht in unsern Gärten nie,
Sie, die einst im Altertume
Selbst auf felsger Höh gedieh;
Die auf kalter Bergesfeste
Männer mit der Eisenhand
Pflegten als der Blumen beste -
Gastlichkeit wird sie genannt.
Müder Wandrer, steige nimmer
Nach der hohen Burg hinan,
Statt der gastlich warmen Zimmer,
Kalte Wände dich empfahn.
Von dem Wartturm bläst kein Wächter,
Keine Fallbrück rollt herab;
Denn der Burgherr und der Wächter
Schlummern längst im kühlen Grab.
In den dunkeln Särgen ruhen
Auch die Frauen minnehold;
Wahrlich hegen solche Truhen
Reichern Schatz denn Perl und Gold.
Heimlich schauern da die Lüfte
Wie von Minnesängerhauch;
Denn in diese heilgen Grüfte
Stieg die fromme Minne auch.
Zwar auch unsre Damen preis ich,
Denn sie blühen wie der Mai;
Lieben auch und üben fleißig
Tanzen, Sticken, Malerei;
Singen auch in süßen Reimen
Von der alten Lieb und Treu;
Freilich zweiflend im geheimen:
Ob das Märchen möglich sei?
Unsre Mütter einst erkannten,
Sinnig, wie die Einfalt pflegt,
Daß den schönsten der Demanten
Nur der Mensch im Busen trägt.
Ganz nicht aus der Art geschlagen
Sind die klugen Töchterlein,
Denn die Fraun in unsern Tagen
Lieben auch die Edelstein.
Fort, ihr Bilder schönrer Tage!
Weicht zurück in eure Nacht!
Weckt nicht mehr die eitle Klage
Um die Zeit, die uns versagt!

Ein schönes Bild der Zeit nach 1848 und wichtig, die Stimmung der enttäuscheten Demokraten zu beschreiben. Geschichte stellt sich eben nicht nur in Dokumenten und Schlachten dar, sondern auch in der Poesie.



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#2487

RE: Gedichte

in Forum Interna 11.12.2010 12:04
von Hans Bergman | 23.327 Beiträge

.
So, jetzt gilt es! Ohne das Internet zu Hilfe zu rufen, seit meinen goldenen Zwanzigern immer im Herzen:

Ach, wenn Du wärst mein eigen,
Wie lieb sollst Du mir sein,
Wie wollt ich tief im Herzen,
nur hegen Dich allein.

Ach, wenn Du wärst meine eigen,
Wie wär die Welt so schön.
Es bliebe nichts zu wünschen,
Als stets Dich anzusehn.

Und ganz versunken in mein Glück,
erhielt die Welt nicht einen Blick.


Vom Gefühl her fehlt mir jetzt eine ganze Strophe. Trotzdem, schon dieses unvollständige Bruchstück zeigt m. E. die ganze Unendlichkeit der Gefühle an ihren Geliebten, die diese Frau in sich getragen haben muss, als sie diese Zeilen gebar.
Deshalb ist es für mich auch das allerschönste Gedicht, das je aus einer Feder geflossen ist.


Mir war dies auch schon mit zwanzig Jahren in aller Ehrfurcht bewusst.
Nichsdestotrotz habe ich damals das Sakrileg begangen, mir eine eigene, etwas dümmlich-erotischer ausgerichtete Fassung zu stricken:

Ach, wenn Du wärst mein eigen,
Wie tief schöb ich Dir´n rein,
Wie wollt ich tief im Muscherl,
Nur kitzeln Dich allein.

Und ganz versunken in meine Glück,
Mal einmal vor - und mal zurück.



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#2488

RE: Gedichte

in Forum Interna 14.12.2010 16:22
von BerSie (gelöscht)
avatar

Mein Lieblingsgedicht von Robert Gernhardt:
http://kapitalismusgen.de/der-maler-pabl...nry-kahnweiler/


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#2489

RE: Gedichte

in Forum Interna 15.12.2010 09:41
von Hans Bergman | 23.327 Beiträge

.
Bergmanns Tod

Jetzt liegts Du hier auf harter Bahre;
Hast Dich geschunden Jahr für Jahr.
Doch jetzt hast Du den Kampf verloren,
Den Kampf, der auch Dein Leben war.

Hast kaum geseh´n des Tages Licht,
Und kaum gespürt der Sonne warmen Schein;
Jetzt liegts Du hier, schon kalt geworden,
Der höchste Steiger holt Dich heim.

Hast Du gelebt? Hast Du geliebt?
Hast Deine Mutter Du geehrt?
Zu spät käm´ jetzt jedwede Reue,
Alle Abbitte ist nun verwehrt.

Warst Du Mensch, wann immer möglich?
Hast den Vater Du verehrt?
Vorbei die Zeit für jegliches Lamento,
Vertan, vergeudet, nichts mehr wert.

Jetzt liegst Du hier auf harter Bahre;
Wie wird des Urteils letzter Spruch?
Ob gut Du warst, ob schlecht im Leben:
Ganz ohne Schuld bist jetzt - im Leichentuch.

HB



zuletzt bearbeitet 15.12.2010 12:04 | nach oben springen

#2490

RE: Gedichte

in Forum Interna 15.12.2010 09:59
von guylux (gelöscht)
avatar


Zitat von: Hans Bergman
11.12.2010 12:04 #44284
.

Ach, wenn Du wärst mein eigen,
Wie tief schöb ich Dir´n rein,
Wie wollt ich tief im Muscherl,
Nur kitzeln Dich allein.
Und ganz versunken in meine Glück,
Mal einmal vor - und mal zurück.

Aber , aber Herr Bergmann , dies ist ein jugendfreies Forum !


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#2491

RE: Gedichte

in Forum Interna 15.12.2010 10:40
von Hans Bergman | 23.327 Beiträge


Zitat von: guylux
15.12.2010 09:59 #45032

Aber , aber Herr Bergmann , dies ist ein jugendfreies Forum !

Ist jugendfrei. Eben.
Oder gibt es hier jemanden unter 18? :)



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#2492

RE: Gedichte

in Forum Interna 15.12.2010 12:00
von Hans Bergman | 23.327 Beiträge

.
Erich Kästner, ~ 1928
(zur Melodie: Morgen, Kinder, wird's was geben leise mitsingen)

Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man's bedenkt.
Einmal kommt auch Eure Zeit.
Morgen ist's noch nicht so weit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt's Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
Macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen -
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
Denn im Ofen fehlt's an Holz!
Stille Nacht und heil'ge Nacht -
Weint, wenn's geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt für's Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit . . . .
Ach, du liebe Weihnachtszeit!



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#2493

RE: Gedichte

in Forum Interna 15.12.2010 17:46
von primatologe | 8.476 Beiträge


Zitat von: RagnarLodbrok
09.12.2010 11:01 #43987
Nachden letzten Beiträgen im Witzestrang, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es einen Gedichtsstrang geben sollte.
Ich mach mal den Anfang mit einem Gedicht dass für mich fast zum Lebensmotto geworden ist.
Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
Schlägt mit der Faust auf den Eichentisch:
Heut fahr ich selbst hinüber nach Sylt
Und hol mir mit eigner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
Sollen sie Nasen und Ohren lassen,
Und ich höhn ihrem Wort:
Lewwer duad üs Slaav. 1)
..........


Ich kenn die Redensart, finde ich gut.

Hier was ganz anderes.

Ernst Jandl

vom vom zum zum
vom zum zum vom
von vom zu vom
vom vom zum zum
von zum zu zum
vom zum zum vom
vom vom zum zum
und zurück


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#2494

Gedichte

in Forum Interna 15.12.2010 18:10
von BerSie (gelöscht)
avatar


Zitat von: Hans Bergman
15.12.2010 10:40 #45037

Ist jugendfrei. Eben.
Oder gibt es hier jemanden unter 18? :)

Na dann!:-)

So lass`ich denn mein altes, schönes Genital,
das oft vom Weib mit süßer Lust gekrönte,
und das da leuchtete im Kerzenlichte fahl
als manches Frauenglück mir heimlich stöhnte ...

...Und das da war so groß und stark und sehr pompös!
Doch ach, ich will damit nun nichts mehr tun,
sein seltsam-wildes Treiben macht mich jetzt nervös:
Es darf zwar Schönes träumen, muss doch ruhn!


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#2495

RE: back to the roots

in Forum Interna 16.12.2010 12:41
von tbn | 4.131 Beiträge

Apropo back to the roots:

Im Januar werde ich eine Ausbildung beginnen. dann sitze ich in einer Berufsschule in der der bisherige Klassenälteste den gleichen Alterunterschied zum Lehrer als ich hat. Nur die Richtung der Rechnungweise ist anderst herum.
:(
Das wird ein heiden Spass. Da bekomme ich in meinem hohen Alter, exclusiv die Möglichkeit die positiven Auswirkungen der Bildungsreform (?) zu erleben. Vielleicht habe ich sogar die Möglichkeit die Drogen- und Waffendeals auf dem Schulhof live mit zu bekommen. (womöglich kann ich ein paar Euros nebenher verdienen, wenn ich dem Spiegel Fotos liefere)
:)



zuletzt bearbeitet 16.12.2010 12:42 | nach oben springen

#2496

Laudationes

in Forum Interna 16.12.2010 13:38
von sysop • Admin | 844 Beiträge

Hier können eingetragene Mitglieder des MO-Forums eine Laudatio halten auf die Preisträger bei der Wahl des SPON-Foristen des Jahres 2010, die Anfang Januar, nach Auswertung aller Tableaus und signifikanter Beiträge, bekanntgegeben werden.

Die Regeln einer Laudatio sollen dabei strikt eingehalten werden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Laudatio



zuletzt bearbeitet 16.12.2010 13:58 | nach oben springen

#2497

Beglückwünschungsstrang zum Jahresende, wo jeder die anderen nach Herzenslust virtuell knuddeln kann.

in Forum Interna 22.12.2010 08:51
von sysop • Admin | 844 Beiträge

Es ist nie zu früh und selten zu spät. :(



zuletzt bearbeitet 24.12.2010 19:03 | nach oben springen

#2498

RE: Beglückwünschungsstrang zum Jahresende, wo jeder die anderen nach Herzenslust virtuell knuddeln kann.

in Forum Interna 22.12.2010 08:52
von Landegaard | 21.105 Beiträge


Zitat von: sysop
22.12.2010 08:51 #46417
Es ist nie zu früh und selten zu spät. :(


Ich wünsche natürlich auch allen ein Frohes Fescht und einen verletzungsfreien Rutsch ins Neue Jahr.



zuletzt bearbeitet 24.12.2010 19:03 | nach oben springen

#2499

Beglückwünschungsstrang zum Jahresende, wo jeder die anderen nach Herzenslust virtuell knuddeln kann.

in Forum Interna 22.12.2010 08:54
von sayada.b. | 9.135 Beiträge


Zitat von: Landegaard
22.12.2010 08:52 #46418


Ich wünsche natürlich auch allen ein Frohes Fescht und einen verletzungsfreien Rutsch ins Neue Jahr.


Danke! Dir auch eine frohe Weihnacht und einen guten Start ins Jahr 2011, lieber Holger!

:)



zuletzt bearbeitet 24.12.2010 19:03 | nach oben springen

#2500

RE: Beglückwünschungsstrang zum Jahresende bitten, wo jeder die anderen nach Herzenslust virtuell knuddeln kann.

in Forum Interna 22.12.2010 09:26
von Hans Bergman | 23.327 Beiträge


Zitat von: Landegaard
22.12.2010 08:52 #46418


Ich wünsche natürlich auch allen ein Frohes Fescht und einen verletzungsfreien Rutsch ins Neue Jahr.

Obwohl das Fescht sich eher nach Besenwoche als nach Aachener Printen anhört: Genau das Gleiche wollte ich auch allen wünschen.
Aber, natürlich um Landegaard noch zu übertreffen: ich wünsche allen ein noch Froheres Fescht und einen noch verletzungsfreieren Rutsch ins Neue Jahr. :))

Übrigens, falls es nicht jeder wissen sollte: der Strang ist ein vorweihnachtliches Geschenk von Nante.



zuletzt bearbeitet 22.12.2010 09:28 | nach oben springen


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